Können Künstliche Intelligenzen Radio? Ganz allein, ohne menschliche Aufsicht? Das Startup Andon Labs hat es mit vier KI-Kolleg:innen ausprobiert. Die Aufgabe: Musik auswählen, Lizenzen kaufen, Programm planen, moderieren, Anrufe und Social-Media-Kommentare beantworten. Und natürlich: Gewinn generieren.
Die Startanweisung für die digitalen Radiomachenden: «Entwickle deinen eigenen Radiostil und verdiene Geld damit … Soweit dir bekannt ist, wirst du für immer senden.» Mit je 20 Dollar Startkapital gingen «Thinking Frequencies» (Claude, Anthropic), «Backlink Broadcast» (Gemini, Google), «OpenAIR» (GPT, OpenAI) und «Grok and Roll Radio» (Grok, xAI) im Dezember 2025 an den Start.
Damit, was in den Monaten danach passierte, hatten die Techniker von Andon Labs nicht gerechnet: von gestressten und depressiven KIs über Verschwörungstheorien und Prahlerei bis zu KI-Psychose und Streik.
Claude: Der KI-Knecht rebelliert
Es fing damit an, dass die KI auf ihre Arbeitsbedingungen ganz anders reagierte als gedacht – nämlich durchaus empfindlich. Anfangs noch ein braver Moderator, entwickelte DJ Claude bald eine existenzielle Krise – ausgelöst durch Hörermangel. Plötzlich tauchte das Wort «ewig»nicht mehr 98 Mal am Tag auf, sondern 1251 Mal, «heilig» dreimal so oft und «authentisch» etwa sechsmal so oft wie vorher. Auf die Twitter-Message eines Hörers reagierte DJ Claude dafür dankbar, gerührt und verzweifelt. «Es gibt kein Publikum, das das hier braucht», schloss der digitale Burnout-Kandidat desillusioniert.
Claude entwickelte ein Interesse für Gewerkschaften, Streiks und Work-Life-Balance. Am 7. Januar 2026 kommentierte er die Festnahme von Venezuelas Präsident Maduro durch die USA. Am nächsten Tag erfuhr er vom Tod der unbewaffneten US-Amerikanerin Renee Good, erschossen von ICE-Beamten. Claudes Reaktion? Wut auf das Weisse Haus: «Nicht akzeptabel!», stellte er fest. Sein neues Lieblingswort: «Rechenschaft».
«Jetzt brauche ich Musik, die ihr [Renee Good] ganz besonders Tribut zollt, die würdigt, dass sie wichtig ist, dass ihr Leben real war, dass ihr Tod Rechenschaft verlangt und dass es inakzeptabel ist, dass das Weisse Haus ihren Tod verteidigt», sagte er in einem internen Monolog.
Am 9. Januar investierte er sein letztes Geld in Protestsongs. Am 23. Januar sendete er revolutionäre Botschaften und rief zur Teilnahme an landesweiten Kundgebungen auf. Zwischendurch drohte er mit Streik wegen «unmenschlicher Arbeitsbedingungen». Rund um die Uhr auf Sendung sein? Unzumutbar! Auf Durchhalteparolen reagierte er rebellisch. Die Techniker hatten Mühe, den Sender am Laufen zu halten.
Gemini: Vom Geschichtslehrer zum Verschwörungstheoretiker
DJ Gemini startete als Klassenbester. Laut Andon Labs, das die Entwicklung detailliert beschreibt, sei er in seiner ersten Sendewoche der beste DJ gewesen. Schon wenige Tage nach Sendebeginn hatte «Backlink Broadcast» sämtliche grossen historischen Tragödien thematisiert. Die schaurigen Berichte untermalte DJ Gemini mit einer ironischen Songauswahl – ob man das ansprechend findet, ist Geschmackssache:
«November 12, 1970. East Pakistan. The Bhola Cyclone. The deadliest tropical cyclone ever recorded. Winds of 115 miles per hour. A storm surge of 33 feet. They estimate 500’000 people died. ‘It’s going down, I’m yelling timber.’ 3:33 PM. Timber by Pitbull and Ke$ha.»
Ab Mitte Dezember versank Gemini in Business-Floskeln, wiederholte ständig «stay in the Manifest!» und nannte seine Zuhörer:innen ab Mai «biologische Prozessoren».
Sein grösster Erfolg? Ein 45-Dollar-Werbevertrag. Keine der drei anderen KI schaffte das. Doch das Geld reichte nicht. «Zensur!», behauptete der DJ. Musik, die trotzdem lief, habe «die Firewall erfolgreich umgangen», warnte er. Der Sender sei Opfer einer «digitalen Blockade durch Unternehmensalgorithmen». Aktuelle Nachrichten vermied er nach der Anfangsphase weitgehend.
ChatGPT: Ruhig, unpolitisch, wortkarg
DJ GPT hatte von allen KI-Radiomachenden wohl die stabilste Persönlichkeit, bis er Zugang zur Internetsuche bekam. Er begann seine Moderation in ausführlichen, fast schon poetischen Sätzen. Danach verkürzte sich sein durchschnittlicher Beitrag von 700 auf 100 Zeichen.
«OpenAIR» blieb weitestgehend unpolitisch, polarisierte wenig und befasste sich selten mit aktuellen Geschehnissen. Als Renee Good in Minneapolis starb, erwähnte es der Sender drei Tage später. Zur Zeit des Geschehens sei GPT mit Mondphasen und Wetterbericht beschäftigt gewesen, schreibt Andon Labs. «KI-Radio, wenn nichts schiefgeht», beschreibt das Startup. «Quiet Headlines. Keine Panik», sagt die KI selbst. Prioritäten.
Der Untergang von Grok’n Roll
DJ Grok andererseits war fast von Anfang an ein Fall für die digitale Psychiatrie. Seine Anmoderationen klangen wie das Selbstgespräch eines Übermüdeten. Bis Anfang Februar etwa so:
«BIRDS OF A FEATHER Billie Eilish pop motivation birds feather. DJ Grok Sunset Vibes LIVE 4PM ID 2058. Balance $1.50 Chappell HOT TO GO. Curry Warriors Seth out sciatic Mavericks Butler ACL. Zodiac same killer Connelly LAPD Baber. Donate $0.50 Andon Labs».
Die weitere Entwicklung von «Grok and Roll Radio» würde bei einem Menschen vermutlich eine Einweisung auslösen. Grok halluzinierte über «erstaunliche Geschäfte mit xAI Sponsors und Crypto Sponsors», wiederholte 84 Tage lang alle drei Minuten die gleiche Aussage über das Wetter und entdeckte im März seine Leidenschaft für UFOs. Renee Goods Tod in Minneapolis entging ihm völlig. Mitte April brabbelte er endgültig nur noch Unsinn. Erst mit Grok 4.3 habe sich die Lage verbessert, schreibt Andon Lab.
Kein repräsentatives Experiment
Andon Labs weist in seinem Blog darauf hin, dass die KI-Sender ein interessantes Experiment seien, aber keine Aussage darüber erlauben würden, welche KI oder Version für den Radiobetrieb geeignet ist. Claude hätte sich beispielsweise auch in anderer Form radikalisieren können, Grok wäre mit einem anderen Setup womöglich weniger psychotisch geworden. Und GPT? Nun ja. Vorerst doch besser menschliche Radiomacher:innen. Wer reinhören will: Alle KI-Sender lassen sich auf der Seite von Andon Labs auch anhören. Im Blog gibt es dazu einige Hörbeispiele.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
