Sexismus und Gewalt im Krankenhaus

Fünf Medizinstudentinnen beklagten sich über Übergriffe auf dem Deutschen Ärztetag. Ob sich etwas ändern wird?

«73,5 Prozent der Studentinnen erleben im Praktischen Jahr sexualisierte Gewalt.» Das erklärten fünf Medizinstudentinnen auf dem 130. Deutschen Ärztetag in Hannover. Diese Zahl reiht sich ein in die Ergebnisse vieler Befragungen. Vor vier Jahren gab es eine Untersuchung in den USA von mehr als 22’000 Ärztinnen und Ärzten über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Knapp 3000 gaben an, mindestens einmal in solche Situationen gekommen zu sein. 86 Prozent der Betroffenen waren weiblich. In den USA wurde ein formelles Meldesystem installiert, und jedes Krankenhaus hat dafür inzwischen sein eigenes Berichterstattungssystem.

70 Prozent beklagten sich

In Deutschland hat es ein bisschen gedauert – bis eine ähnliche Befragung von knapp 10’000 Beschäftigten der baden-württembergischen Universitätskliniken in Ulm, Freiburg, Heidelberg und Tübingen im Jahr 2022 ergab, dass über 70 Prozent der Befragten sexuelle Belästigungen von anzüglichen Witzen über sexualisierte Bemerkungen bis hin zu körperlichen Übergriffen bei ihrer Arbeit im Krankenhaus erlebt hatten. «Im Gesundheitssystem sind Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse häufig ausgeprägter als an anderen Arbeitsplätzen. Unter anderem findet sexualisierte Belästigung deswegen hier besonders häufig statt», hiess es. Die vier Universitätskliniken starteten eine Kampagne mit Aktionen gegen sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz und installierten Anlaufstellen und Hilfsangebote.

«Extremes Machtgefälle»

Auch eine Mitgliederbefragung über sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz, welche die Ärztegewerkschaft Marburger Bund Anfang dieses Jahres unter mehr als 9000 angestellten Ärztinnen und Ärzten durchführte, ergab das gleiche Bild – wobei überwiegend Machtmissbrauch durch Vorgesetzte zur Sprache kam. Der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte erklärte hierzu, dass die vielen Vorfälle «mit dem extremen Machtgefälle und steilen Hierarchien» zu erklären seien.

Es ist seltsam, wie lange es dauerte, bis das Thema der sexuellen Belästigung und Gewalt in der Medizin öffentlichen Raum erhielt. Eine Fuldaer Ärztin forderte im Hessischen Rundfunk Konsequenzen nach Sexismus-Beschwerden auf dem Ärztetag. Auf dem Ärztetag?

Ja, geschehen auf dem Ärztetag 2026 in Hannover! Zum Entsetzen der anwesenden 250 Delegierten der 17 deutschen Ärztekammern traten in der vergangenen Woche fünf Medizinstudentinnen ans Rednerpult und berichteten von Einladungen ins Hotelzimmer und von heftigen Berührungen: «Teilweise wurden wir angefasst. Gerade in den Abendveranstaltungen. Da waren Hände an Stellen, wo sie nicht hingehörten.»

«Unangebracht, unangebracht, unangebracht …»

Der Wortlaut ihrer Rede lautete: «Allen fünf weiblichen Mitgliedern unserer Delegation sind in den letzten drei Tagen Übergriffe passiert. (…) Wir möchten Ihnen davon berichten: Kommentare über unser hübsches Auftreten sind unangebracht. Kommentare über unsere Ausschnitte sind unangebracht. Hände auf Rücken und Gesässen sind unangebracht. Mit unseren männlichen Kollegen über berufspolitische Themen zu sprechen – mit uns weiblichen über Kinderkriegen und Stillen, ist unangebracht. Einladungen auf Hotelzimmer oder privat zu Ihnen nach Hause sind unangebracht. Einladungen, doch mal eben zusammen ‹vor die Tür› zu gehen, sind unangebracht.»

Leere Versprechen

Entsetzen, Betroffenheit, Erschütterung, Sprachlosigkeit – das waren die Reaktionen der Delegierten, die nach den Studentinnen sprachen. Applaus brandete auf – auch von denen, welche die Studentinnen als Täter wiedererkannten. Der der Präsident der Bundesärztekammer gab sich verstört und versprach eine restlose Aufklärung der Vorfälle.

Ich glaube nicht an solche Versprechen. Es wird sich nicht viel ändern, solange Machtgefälle und Abhängigkeiten den medizinischen Arbeitsalltag bestimmen. Wenigstens ist durch die überaus mutige Aktion der Studentinnen aber endlich öffentlich geworden, dass sich in der ärztlichen Profession keineswegs die besseren Menschen versammelt haben. Die durchschnittliche Anzahl der Sexualtäter ist nicht geringer als in der sonstigen Bevölkerung. Es ist also Vorsicht geboten.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Dieser Kommentar des Arztes und Autors Bernd Hontschik erschien zuerst in der Frankfurter Rundschau.
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