Red. Als Vizekanzlerin im Bundeshaus von 1991 bis 2005 leitete die Autorin verschiedene Digitalisierungsprojekte. Heute verfolgt Hanna Muralt Müller die Entwicklung der künstlichen Intelligenz in ihren Newsletters.
Papst Leo XIV. gibt mit seiner Enzyklika ethische Richtlinien für das KI-Zeitalter vor. Er thematisiert die wachsende Verfügungsmacht in privater Hand von wenigen Big-Tech-Unternehmen, sowohl in materieller wie kultureller Hinsicht. Er ruft alle Menschen guten Willens auf, gemeinsam die Handlungsmacht zurückzugewinnen und ein friedliches neues Jerusalem aufzubauen. Ohne je Namen zu nennen, wird klar, gegen wen er sich mit dem Appell richtet. Seine Botschaft fällt in eine Zeit des wachsenden Unmuts über KI in den USA.
Turmbau zu Babel stoppen – und ein neues Jerusalem aufbauen
Papst Leo XIV., der erste Amerikaner in diesem Amt, war persönlich an der Präsentation seiner Enzyklika (deutsch) anwesend – ein Novum – und hielt seine Ansprache auf Englisch. Wie die «New York Times» festhält, steht im Zentrum seiner Kritik nicht die Technik als solche, sondern ihre Vergötterung als neuer KI-Religion. Er bringt dies mit zwei Metaphern ins Bild: In menschlicher Hybris wird am Turm zu Babel gebaut, was ins Chaos und Verderben führt. Er hingegen ruft die Völkergemeinschaft auf, schrittweise das neue Jerusalem zu errichten.
Zwei klare Aussagen in der Enzyklika werden in den USA Stirnrunzeln verursachen.
Papst Leo erklärte, die «Theorie des gerechten Krieges» sei längst überholt (Absatz 192).
Papst Leo entschuldigte sich dafür, dass die katholische Kirche die transatlantische Sklaverei erst im 19. Jahrhundert entschieden verurteilt hat (Absatz 176).
Gegen Krieg und Sklaverei – KI entwaffnen – öffentliche Kontrolle und Teilhabe
Die Enzyklika kreist in ihren 245 Absätzen um die zentrale Aussage, dass KI in den Dienst aller Menschen und des Gemeinwohls zu stellen sei. Hierzu müsse KI nicht nur reguliert, sondern «entwaffnet» werden (Absatz 110), und zwar nicht nur in militärischer Hinsicht, sondern auch als technischer und wirtschaftlicher Treiber des geopolitischen Wettrennens und als Machtinstrument gegen Menschen. Damit lehnt er den KI-Wettlauf mit China ab, der in den USA überparteilich akzeptiert wird.
Er prangert die Konzentration von Verfügungsmacht bei einigen wenigen Big Tech an und verlangt Transparenz, öffentliche Kontrolle und echte Formen der Teilhabe und Mitwirkung, insbesondere auch bei Entscheidungen über Algorithmen, Daten und Plattformen (Absätze 71, 76, 178).
Weiterer Affront: Anthropics Präsenz
Mit Christopher Olah wurde nicht irgendein KI-Tech-Gigant zur Präsentation eingeladen, sondern ein Mitbegründer von Anthropic. Anthropic steht derzeit im Rechtsstreit mit dem Pentagon, weil es die Nutzung seines Sprachmodells für vollautomatisierte Waffensysteme und die Massenüberwachung der US-Bevölkerung verweigerte (siehe Infosperber vom 20. Mai 2026 und Infosperber vom 26. Februar 2026).
In seiner kurzen Ansprache dankte Christopher Olah für die päpstlichen Richtlinien, da es für führende Forschungslabors oft schwierig sei, im Wettbewerb und unter geopolitischem Druck das Richtige zu tun. Es brauche die kritische Stimme der Kirche in enger Zusammenarbeit mit den KI-Labs. Über Olah, der sich als Atheist versteht, bestanden seit längerer Zeit Kontakte zwischen Anthropic und katholischen Geistlichen in den USA.
Die Enzyklika trifft auf eine USA in Aufruhr
Wie jüngste Umfragen aufzeigen, wächst in den USA der Widerstand gegen KI enorm. KI ist zum Reizwort geworden. Absolventen an der Uni in Arizona haben den Ex-Google-Chef Erich Schmidt wegen KI ausgebuht. Die Ursachen sind nachvollziehbar. Die Schere öffnet sich immer mehr zwischen den Reichen, die dank ihrem Aktienbesitz immer noch reicher werden, und jenen, die für ihr tägliches Auskommen kämpfen und fürchten, wegen KI ihre Stelle zu verlieren.
Die Hälfte der Bevölkerung hat so gut wie keinen Zugang zum Aktienmarkt. Die Aktienvermögen sind sehr ungleich verteilt, verfügen doch 10 Prozent der Reichen wertmässig über 90 Prozent und ein einziges Prozent dieser Reichen allein über 50 Prozent der Aktienbestände. Diese werden zu einem Grossteil nicht versteuert. Aktien werden in den USA in der Regel erst mit dem Gewinn aus ihrem Verkauf steuerpflichtig. (Siehe «Keine Einkommenssteuern mehr zahlen? Werden Sie Milliardär!», Infosperber vom 15. April 2026)
Die grössten Tech-Konzerne (Microsoft, Apple, Nvidia, Alphabet, Amazon, Meta, Tesla etc.) machen zusammen fast 30 Prozent des Aktienindex S&P‑500 aus. Die Kursentwicklung der Technologiebörse Nasdaq 100 wird in der Praxis stark von wenigen Mega-Cap-Techs getragen, insbesondere von Nvidia, Apple, Microsoft, Amazon und weiteren KI-/Cloud- und Halbleiterwerten.
Obwohl diese Aktienvermögen in der Zusammensetzung der Steuererträge kaum erfasst sind, stammt der Hauptteil der Einnahmen – je nach Bundesstaat in unterschiedlicher Höhe – aus den Steuern der Reichen und Superreichen. Dies zeigt, wie gross die Reichtumsschere ist.
Steuerfragen und bedingungsloses Grundeinkommen
Die Reichtumssschere könnte destabilisierend wirken und löste bereits Reaktionen auf politischer Ebene aus. Mehrere demokratisch regierte Bundesstaaten erhöhten die Steuern für Millionäre. Die demokratische US-Senatorin Elizabeth Warren, eine der schärfsten Gegnerinnen von Trump, forderte kürzlich eine umfassende Steuerreform auf nationaler Ebene.
Zudem gab es in mehreren Bundesstaaten Pilotversuche zu einem bedingungslosen Grundeinkommen. Einige Tech-Grössen befürworteten es, und der Open-AI-CEO Sam Altman war an einem Pilotversuch beteiligt. Auch sein Rivale, der Anthropic-CEO Dario Amodei, unterstützt es. Wie der Papst in der Enzyklika (Absätze 212ff.) hält er jedoch fest, ein Grundeinkommen genüge nicht, da Arbeit, nicht eine Geldleistung, Sinn und ein Selbstwertgefühl vermittle.
Neuere Vorschläge für einen KI-Staatsfonds
Sowohl Dario Amodei als auch Sam Altman publizierten auf ihren Homepages zahlreiche Vorschläge, wie die Politik auf die grossen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen reagieren sollte. Besonders interessant sind ihre Ideen für einen KI-Staatsfonds.
Dario Amodei schlug bereits im Oktober 2025 in seinem Papier Preparing for AI’s economic impact: exploring policy responses die Schaffung eines KI-Staatsfonds vor (sovereign wealth funds, Ziffer 7). Über diesen Staatsfonds könnte die Öffentlichkeit auf die Entwicklung von KI einwirken und die Erträge an die Bevölkerung verteilen. Sam Altman skizzierte in seinem im April 2026 veröffentlichten Strategiepapier Industrial Policy for the Intelligence Age einen Public Wealth-Fund (Seite 7). Es brauche zudem einen neuen Gesellschaftsvertrag, ähnlich dem New Deal.
Stellenabbau kaum prognostizierbar
Die US-Bevölkerung sorgt sich vor allem um einen KI-bedingten möglichen Verlust an Arbeitsstellen. Tatsächlich haben Dario Amodei und etwas weniger stark auch Sam Altman letztes Jahr davor gewarnt. Beide relativierten kürzlich ihre diesbezüglichen Aussagen. Insbesondere Amodei wurde vorsichtiger, da bei den jüngsten Automatisierungen im Softwarebereich kaum Stellen abgebaut wurden. Amodei führt dies auf das berühmte «Jevons-Paradoxon» zurück, wonach die Automatisierung tiefere Preise ermöglicht, was die Nachfrage erhöht.
Kalifornien erschreckt Milliardäre
Was in Kalifornien passiert, erregt weltweit Aufsehen, handelt es sich doch bei diesem US-Bundesstaat um die weltweit viertgrösste Volkswirtshaft. Eine mit über 1,5 Millionen Unterschriften (nötig wären rund 875’000) eingereichte Initiative kommt im November 2026 zur Abstimmung. Sie verlangt – mit Rückwirkung auf den 1. Januar 2026 – eine einmalige Abgabe von 5 Prozent auf Vermögen über eine Milliarde, was bei den über 200 Milliardären im Silicon Valley rund 100 Milliarden einbringen soll.
Der demokratische Gouverneur Newsom warnte vor dem Wegzug dieser Milliardäre. Denn wenn die Schätzungen stimmen, könnten bereits mit sechs Milliardären, die wegziehen, rund 27 der geschätzten 100 Milliarden wegfallen. Kalifornien kennt dieses Problem, verlegten doch einige Tech-Giganten schon früher ihren Sitz in steuergünstigere Bundesstaaten wie Texas und Florida, so zum Beispiel Elon Musk (Texas). Gründe für den Wegzug Peter Thiels nach Florida und Argentinien sind offensichtlich Weltuntergangsängste, aber auch das Vermeiden der kalifornischen Steuer.
Der Amazon-CEO Jeff Bezos wurde mit seinem Vorschlag, der unteren Hälfte der US-Bevölkerung die Einkommenssteuer zu erlassen, zur Zielscheibe der Kritik. Es stimmt zwar, dass diese weniger betuchten 50 Prozent nur drei Prozent zum Steuerertrag beitragen und ihr Wegfall verkraftbar wäre. Aber dieser Vorschlag, der wohl diese Bevölkerungsschicht besänftigen sollte, kam vom viertreichsten Tech-Boss aus dem steuergünstigen Florida. Zudem hat er seine renommierte «Washington Post» auf die Trump-Regierung umgesteuert.
Interessanterweise erklärte sich der Nvidia-CEO Jensen Huang mit der 5-Prozent-Initative in Kalifornien einverstanden. Auch das gibt es.
Philanthropie zur Vermeidung von Steuern
Andere Milliardäre zeigen sich von ihrer philanthropischen Seite. Die Philanthropie ist in den USA vielfach auch eine Form der Steuervermeidung, aber sie hat ein freundlicheres Gesicht als Steuerflucht. Sehr bekannt ist die Gates-Foundation, aber es ist längst nicht die einzige Stiftung. Mark Zuckerberg, Elon Musk und Larry Ellison (Executive Chairman von Oracle) und auch Sam Altman sind auf der Spendenliste Giving Pledge aufgeführt. Allerdings habe die grosse Mehrheit der Unterzeichneten ihr philanthropisches Versprechen noch nicht eingelöst, und Peter Thiel habe Musk geraten, sich auf der Liste streichen zu lassen. Wie die steuerbefreiten Stiftungen ihre Milliarden einsetzen, bleibt in der Entscheidungsmacht der Milliardäre.
Die sieben Co-Gründer von Anthropic, darunter Christopher Olah, gaben Ende Januar 2026 das bisher grösste Versprechen ab. Sie wollen 80 Prozent ihres Reichtums für den sozialen Ausgleich einsetzen. Ihr Vermögen wird jetzt, kurz vor dem Börsengang, auf 965 Milliarden Dollar geschätzt.
Politbombe mit wohl ewig langer Zündschnur
Der 83-jährige US-Senator Bernie Sanders, ein linkes politisches Urgestein, steht im Kontakt mit Sam Altman. Ausgehend von den Konzepten von Amodei und Altman will er mit einem Gesetzesvorschlag, dem AI-Sovereign-Wealth-Fund-Act, einen Staatsfonds schaffen. Dieser soll mit einer einmaligen Abgabe von 50 Prozent der Aktien von Big Tech geäufnet werden. Der öffentlich kontrollierte Fonds würde die Aktien halten und mit 50-Prozent-Stimmrechtsanteilen Einfluss auf die Entwicklung der KI-Technologie nehmen können. Ein nationales Gesetz würde zudem Steuerflucht innerhalb der USA verhindern.
Sanders ist parteilos und landete zweimal, 2016 und 2020, als Präsidentschaftskandidat auf dem zweiten Platz. Er hat politisches Gewicht, aber ob seine Bombe je zünden wird, darf bezweifelt werden. Was politisch derzeit möglich ist, wird in der völlig verwässerten KI-Regulierung sichtbar, die Trump unter Ach und Krach am 2. Juni 2026 im zweiten Anlauf unterzeichnet hat.
Reaktionen in den USA auf die Enzyklika
Der Papst gibt in seiner Enzyklika die Richtung vor. Er überlässt das Feld konkreter politischer Massnahmen der Politik. Aber seine Botschaft trifft in den USA auf eine Bevölkerung, die stärker als in Europa von religiösen Fragen durchdrungen ist. Vor allem bei evangelikalen Christen sind Endzeiterwartungen verbreitet (siehe Infosperber vom 20. Mai 2026). Mit seinem Bild vom Aufbau eines neuen Jerusalem richtet sich der Papst auch gegen den Defätismus dieser Kreise, für die sich ein Einsatz für eine bessere Welt so kurz vor deren Untergang nicht lohnt.
Der Papst wendet sich aber auch gegen jene Technikfreaks in den USA (Absätze 115ff), die den Menschen mit KI optimieren (Transhumanismus) oder gar den Hybriden «Mensch-Maschine» (Posthumanismus) entwickeln wollen.
Einigen Tech-Milliardären dürfte die Enzyklika sehr missfallen. Interessanterweise bleibt es erstaunlich still. Vermutlich ist Totschweigen in der aufgeladenen gesellschaftlich explosiven Situation angesagt. Eine Streitdebatte könnte der Enzyklika zu mehr Beachtung verhelfen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
