Inder sind voller Antibiotikaresistenzen – auch wegen Sandoz

Seit Jahren lassen Pharmafirmen Antibiotika in Fabriken herstellen, in deren Abwässer sich resistente Keime rasant vermehren.

Die «NZZ» berichtete kürzlich aus Mumbai: «Jedes Jahr sterben in Indien Hunderttausende Patienten, weil es für sie keine wirkungsvollen Antibiotika gibt. Längst sind multiresistente Keime auch in Spitälern in Europa ein ernstes Problem.»

In der südindischen Stadt Hyderabad lassen viele Pharmafirmen Antibiotika produzieren. Gleichzeitig schauen sie zu, wie die Abwässer der dortigen Fabriken Keime verbreiten, die gegen Antibiotika resistent sind. 

Die Aufsichtsbehörden der EU, der Schweiz und den USA kontrollieren nur, ob die Pharmafirmen ihre Medikamente nach allen Sicherheitsvorschriften herstellen. Die Abwässer ausserhalb der Fabriken sind den westlichen Behörden egal. 

Ein wichtiger Grund für die Verbreitung der Resistenzen ist in Indien – wie in der Schweiz und in Deutschland – der hohe Einsatz von Antibiotika in der intensiven Tierhaltung und in der Humanmedizin. Trotz Rezeptpflicht geben viele indische Apotheken Antibiotika unkontrolliert ab.

Doch ausgerechnet auch Pharmafirmen sind mitverantwortlich. Hunderte Fabriken produzieren in Hyderabad Medikamente für die ganze Welt. Fast alle grossen Pharmaunternehmen in Deutschland und in der Schweiz lassen Antibiotika sowie auch Pilzmittel in Hyderabad herstellen.

Gigantische Mengen an Antibiotika in Wasserproben

Bereits vor zehn Jahren hatte der Infektionsmediziner Christoph Lübbert vom Uniklinikum Leipzig gemeinsam mit einem ARD-Reporter-Team in Hyderabad Proben genommen – unter anderem aus Leitungswasser, Bächen, Flüssen, Kanälen, Abwasserspeichern und Reisfeldern. Anschliessend untersuchten Wissenschaftler in Deutschland, ob die Proben Reste von Antibiotika enthalten und ob darin multi-resistente Bakterien zu finden sind.
Obwohl die Wissenschaftler mit Keimen und Arzneimittel-Rückständen in den Proben gerechnet hatten, waren sie entsetzt über die Mengen, die sie darin fanden.

Alle Proben enthielten gigantische Konzentrationen von Antibiotika sowie Anti-Pilzmitteln. Die Mengen lagen teils hundertfach oder sogar tausendfach über empfohlenen Grenzwerten für die jeweiligen Substanzen. 

Es erstaunte die Forscher deshalb nicht, dass sie in allen Proben gefährliche, multi-resistente Erreger nachweisen konnten. Dies sei «sehr beängstigend», so Lübbert. Die resistenten Bakterien würden nicht vor Ort bleiben, sondern weitergetragen – zum Beispiel über Waren, Lebensmittel, Zugvögel und Touristen.

Doch trotz dieser alarmierenden Befunde fühlten sich weder Pharmaunternehmen noch Politiker zum Handeln verpflichtet. Man war und ist sich zwar einig, dass die verseuchten Gewässer in Hyderabad ein ernstes Problem darstellen, doch die Hauptverantwortung schob man auf die lokalen Behörden in Indien ab. Diese müssten für strenge Umweltvorschriften und Kontrollen sorgen.

«Gewässer noch immer schwer belastet»

Im kürzlichen Bericht aus Indien musste die «NZZ» feststellen: «Noch heute sind die Gewässer um Hyderabad schwer belastet.»

Teilweise seien die Seen um Hyderabad derart verseucht, dass sämtliche Fische starben und Felder unfruchtbar wurden: «Bauern klagten nach der Arbeit über Hautinfektionen, die sich kaum behandeln liessen, da die Erreger gegen die üblichen Antibiotika resistent waren.» Pharmakonzerne hätten «nur zögerlich reagiert». Jedes Jahr würden in Indien Hunderttausende Patienten sterben, weil es für sie keine wirkungsvollen Antibiotika gebe, erklären die indischen Gesundheitsbehörden.

Touristen und Gemüseimporte sorgen dafür, dass sich die hochresistenten Keime in alle Kontinente verbreiten. Sogar im gereinigten Abwasser der Stadt Basel wurden resistente Bakterienstämme und Resistenzgene aus Indien gefunden. «Wir waren überrascht und schockiert», erklärte Claudia Bagutti, Mikrobiologin des Kantonslabors Basel-Stadt schon vor sieben Jahren. Und Katrin Zurfluh, Mikrobiologin an der Universität Zürich, ergänzte: «Es waren auch von der Sorte NDM dabei. NDM steht für Neu Delhi, weil Keime mit diesem Resistenzmechanismus zuerst in Indien entdeckt wurden.»

Über Novartis als Mitverursacherin hochresistenter Keime in Indien hatte ein SRF-Dokumentarfilm von Karin Bauer im November 2018 informiert. 
Die «MSN Laboratories» in Hyderabad, von denen auch die damalige Novartis-Tochter Sandoz Medikamente bezog, betreibt sechs Fabriken. In einem Werbevideo brüstete sich MSN: «Aus unseren Fabriken gelangt kein schmutziges Abwasser. Wir erfüllen strengste Sicherheits- und Umweltnormen.» Internationale Kontrolleure, darunter das Gesundheitsamt Hamburg, würden die Fabriken überwachen und zertifizieren. Auf solche Zertifikate stützen sich grosse Pharmakonzerne ab, welche ihre Antibiotika von der MSN herstellen lassen.

Proben vor Ort hatten jedoch das Gegenteil bewiesen: Die angeblich gereinigten Fabrikabwässer waren voller Antibiotikarückstände.  

Die Schweizer Medikamenten-Zulassungsstelle Swissmedic versicherte, sie würde bei der Zulassung «die ganze Herstellungskette» überprüfen. Auf die konkrete Frage nach den verseuchten Abwässern hatte Swissmedic-Sprecher Lukas Jäggi gegenüber SRF eingeräumt:
«Umweltaspekte sind nicht explizit Teil der Prüfung, sondern nur die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit der Arzneimittel. Umweltbedingungen und auch Arbeitsbedingungen sind nicht Teil der Prüfung.»

Auch Bactrim von Hyderabad

Die «Virchow Laboratories» in Hyderabad verkaufen nach eigenen Angaben das Antibiotikum Sulfamethoxazol dem Pharmakonzern Roche. Roche vertreibt es in Kombination mit Trimethoprim unter dem Namen Bactrim

Die «Virchow Laboratories» gaben an, die Abwässer zu «destillieren» und nachher auf eine Deponie zu bringen. Doch hatte Roche eingeräumt: «Uns wurde auf mehrmalige Anfrage nicht erlaubt, diese Deponie zu auditieren. Wir können daher leider nicht garantieren, dass diese Deponie die Umwelt nicht verschmutzt.»

Das inzwischen von Novartis unabhängige Generika-Unternehmen Sandoz möchte gegenüber Infosperber weder bestätigen noch dementieren, dass Sandoz weiterhin Medikamente oder Medikamentenbestandteile von den MSN Laboratories oder den Virchow Laboratories in Heiderabad bezieht.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:

_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Verpassen Sie keine Neuigkeiten!

We don’t spam! Read our privacy policy for more info.